Im Juni 2025 habe ich viele Jahren nach dem ersten Wort meinen New Adult Roman „Two worlds, one moment“ im Selfpublishing veröffentlicht. Irgendwann nahmen die Protagonisten in meinem Kopf Gestalt an und die Gesichte wollte erzählt werden. Motiviert machte ich mich ans Werk, aber die ersten Versionen war nicht das Gelbe vom Ei. Schreiben ist richtige Arbeit, das musste ich schnell merken. Dank der Rückmeldung vieler Testleserinnen und unzähligen Überarbeitungen entstand schliesslich die Geschichte in ihrer endgültigen Form. Und ich bin unglaublich froh, so weit gekommen zu sein!

Klappentext:
Naomi führt ein geordnetes Leben: behütet, privilegiert, mit klaren Zukunftsaussichten. Osaro kommt aus ganz anderen Verhältnissen seine Wurzeln liegen in Nigeria, sein Alltag in Zürich ist geprägt von Kämpfen, Abstürzen und einem Neuanfang, der auf wackligen Beinen steht. Trotz aller Unterschiede finden die beiden zueinander, verbunden durch einen schicksalsträchtigen Moment. Doch als Osaro von seiner Vergangenheit eingeholt wird, bricht Naomis Welt auseinander. Sie beendet die Beziehung, obwohl ihr Herz etwas anderes sagt. Wochen später ist er verschwunden keine Nachricht, kein Abschied. Aber manche Verbindungen lassen sich nicht einfach kappen. Was, wenn die Liebe nicht fragt, ob zwei Menschen zusammenpassen? Was, wenn genau dieser eine Mensch der einzige ist, bei dem du ganz du selbst bist?
Leseprobe 1. Kapitel

Im Nachhinein kann Osaro nicht genau sagen, wann ihm auffiel, dass etwas nicht stimmt. Er betrachtet Naomis graue Augen, die ihn so intensiv fixieren, als wollten sie niemals wieder etwas anderes anschauen. Als ob sie nicht zulassen könnte, dass er geht. Dabei wollte er sich nur kurz verabschieden, und jetzt guckt sie so. Ihre Iris ist an den Rändern fast dunkelgrau, wird jedoch zur Mitte hin immer heller. Nie hätte er gedacht, dass er diese Augenfarbe mögen würde, er fand sie immer eher kalt und abweisend. Bei Naomi ist das nicht so, ihre Augen sind wunderschön und strahlen eine Wärme aus, die ihn anzieht. Er sollte etwas sagen, um das Gespräch wiederaufzunehmen, bloss was?
Osaro bleibt stumm. Ein unangenehmes Gefühl kriecht in seinen Kopf, eine diffuse Bedrohung, ein beklemmendes Ziehen in der Brust. Er wendet den Blick ab und lässt ihn über die Umgebung schweifen, doch er kann nichts Ungewöhnliches entdecken.
In den nächsten Minuten wird es wohl anfangen zu regnen, vermutlich gibt es ein Gewitter, mehr nicht. Trotzdem packt ihn eine Angst, bei der er nicht sagen kann, wieso sie überhaupt da ist. Ist nicht das erste Mal, dass dieses Unbehagen ihm zu schaffen macht, es bedeutet immer Gefahr. Etwas wird geschehen, etwas Schlimmes, Unerträgliches. Und er weiss mit plötzlicher, untrüglicher Sicherheit, dass er die Macht hat, es zu verhindern.
»Wenn du das Richtige tust, stehen die Ahnen dir bei«, glaubt er, eine vertraute Stimme zu hören, als der erste Regentropfen schwer auf seinen Arm fällt. Es ist die Stimme seines Onkels, der ihm früher solche Dinge zu sagen pflegte. In letzter Zeit denkt er oft an ihn und seine bedeutungsschweren Ratschläge.
2. Kapitel
Osaro spürt, dass die Zeit drängt. Die Sekunden verstreichen, doch nichts rührt sich. Die bleierne Hitze wird durch die Regentropfen durchbrochen. Ohne weiter nachzudenken und sich zu fragen, was das alles zu bedeuten hat, macht er den einen, entscheidenden Schritt auf Naomi zu, die ihn fragend anschaut. Sie hat bemerkt, wie abgelenkt er auf einmal ist. Er packt sie ohne Worte an den Schultern und stösst sie mit aller Kraft, die er aufbringt, von der Strasse.
Naomi steht neben Osaro, um ein paar letzte Worte zu wechseln, und spürt Bedauern in sich aufsteigen, weil sie sich wohl kaum mehr wiedersehen werden. Sie haben nicht viel miteinander geredet, als er mit den beiden anderen Landschaftsgärtnern im Garten arbeitete. Worüber auch? Wollt ihr was zu trinken? Ja, genau da sollen die Sträucher hin.
Aber sie konnte die Augen nicht von ihm lassen und bei ihm war es genauso. Die Hitze des Sommertages hält sie umfangen, steigt vom Asphalt auf. Sie kann sie durch die dünnen Sohlen der Sandalen fühlen. Und nun fallen die ersten Tropfen aus den Wolken, die sich seit einigen Stunden immer höher aufgetürmt haben und Abkühlung versprechen. Gerade fragt sich Naomi, wieso Osaro plötzlich so abgelenkt ist. Und in diesem Moment stösst Osaro sie so heftig zur Seite, dass sie sofort hinfällt. Ein stechender Schmerz fährt ihr in die Handgelenke, als sie versucht, sich abzufangen. Ein roter Lieferwagen schiesst in diesem Moment heran, seine Reifen fabrizieren dieses typische Quietschen, wenn man zu schnell bremst. Es fährt ihr durch Mark und Bein. Die Luft ist nicht mehr erfüllt vom Ozongeruch des nahenden Gewitters, sondern nach verbranntem Gummi. Osaro steht nicht mehr dort, wo er eben noch war. Das ist alles unwirklich schnell geschehen, viel zu schnell, um es zu begreifen.
Einen Moment ist Naomi vor Schreck so erstarrt, dass sie sich nicht bewegen kann. In ihren Ohren rauscht es heftig, sie glaubt, dass jemand sie ruft, doch wer es ist und woher die Stimme kommt, kann sie nicht sagen. Vor Entsetzen und Schmerz keucht sie auf. Als sich ihre Atmung etwas beruhigt hat, versucht sie sich aufzurappeln. Sicher hat sie sich Schürfungen eingefangen und die Handgelenke pochen dumpf, aber sie ignoriert alles. Osaro liegt wenige Meter neben ihr am Strassenrand, wohin ihn der Lieferwagen geschleudert hat. Naomi eilt zu ihm und kniet sich neben ihn auf die Strasse. Panik breitet sich in ihr aus, als sie ihn nach Verletzungen absucht. Der Herzschlag donnert in ihren Ohren und ihre Finger zittern. Osaro liegt regungslos da, die Augen sind geschlossen. Blut sickert zwischen seinen Locs hervor. Der immer stärker einsetzende Regen verdünnt es zu einem hellen Rot.
Ohne weiter nachzudenken, versucht Naomi, seine schlaffen Glieder in die Seitenlage zu bringen. Sie sind erstaunlich schwer und ihre Handgelenke schmerzen noch mehr. Ein Arbeitskollege von Osaro eilt herbei und versucht, ihr zu helfen. Schliesslich schaffen sie es. Immer noch füllt die Panik Naomi aus, lässt ihr Denken verschwimmen. Mit schlotternden Knien setzt sie sich neben Osaro. Es fühlt sich an, als ob ihr sämtliches Blut aus dem Kopf in die Füsse gesackt wäre. Ihr Blick fällt auf den zu Tode erschrockenen Fahrer des Lieferwagens, der hilflos und mit blassem Gesicht auf die Szene schaut. Dann wandern ihre Augen zu den schwarzen Bremsspuren auf der Strasse. Wieder nimmt sie den Geruch nach verbranntem Gummi wahr. Das Martinshorn einer Ambulanz dringt durch Naomis Benommenheit. Osaros Arbeitskollegen müssen sie gerufen haben. Tränen der Erleichterung schiessen ihr in die Augen. Die Ambulanz kommt an, die Sanitäter verschaffen sich einen ersten Überblick und ihre Professionalität beruhigt Naomi etwas. Sofort kümmern sich die Sanitäter behutsam um Osaro. Naomi stösst langsam den Atem aus. Der Anblick von Osaro, wie er auf eine fahrbare Trage gehievt und mit Gurten gesichert wird, sieht dramatisch aus, aber wenigstens wird ihm geholfen. Das Letzte, was Naomi von ihm sieht, ist Osaros Gesicht, das eine seltsam gräuliche Farbe angenommen hat. Inzwischen ist auch ein Wagen der Zürcher Kantonspolizei eingetroffen und zwei Beamte kümmern sich um den Fahrer des Lieferwagens und um die Sicherung der Strasse. Ein weiterer Polizeiwagen trifft ein. Ein Polizist kommt auf Naomi zu, um auch ihr Fragen zu stellen. Er stellt sich als Herr Jonser vor und möchte gerne von ihr hören, was passiert ist. Naomi schaut ihn an und versucht, einen Satz zu formulieren. Die Wörter verschwinden von ihrer Zunge, noch bevor sie sie aussprechen kann. Herr Jonser sieht ein, dass sie unter Schock steht, und begleitet sie ins Haus. Naomi hat immer noch wackelige Knie und bemerkt im Garderobenspiegel ihre erschreckende Blässe. Der Polizist fragt, ob sie jemanden verständigen möchte, und sie ist dankbar für diesen Vorschlag. Naomi ruft ihre Mutter an und sie verspricht, sich gleich auf den Weg zu machen. Herr Jonser notiert sich Naomis Namen und Telefonnummer und bittet sie, die Aussage in den nächsten Tagen auf dem Polizeiposten nachzuholen, bevor er sich verabschiedet.
Wie ein Sandsack bleibt Naomi auf dem Sofa sitzen und versucht zu begreifen, was gerade passiert ist. Alles ist so wahnsinnig schnell gegangen. Es kommt ihr total unwirklich vor: Innerhalb von nicht einmal einer halben Stunde geht die Bandbreite von einer zarten Verliebtheit bis zu Schockstarre über einen haarsträubenden Unfall.
Da kommt ihre Mutter schon mit ihrem kleinen roten Fiat angebraust. Wie sie das so schnell geschafft hat, ist Naomi ein Rätsel. Ganz aufgelöst kommt Caroline ins Wohnzimmer gestürmt, mit dem Anruf hat Naomi sie gewaltig erschreckt. Als sie sieht, dass ihre Tochter eigentlich völlig okay ist, nur schwer erschrocken durch den Unfall, beruhigt sie sich schnell. Sie verabreicht ihr Bachblütentropfen, die Naomi nur schluckt, weil sie keine Kraft hat, sich dagegen zu wehren. Dann kocht ihre Mutter einen Tee, stark gesüsst, der tatsächlich etwas hilft. Sie fühlt sich etwas weniger zittrig und kann die ganze Geschichte etwas zusammenhängender erzählen.
»Osaro hat mich von der Strasse gestossen«, erklärt sie ihr. »Er hat mich gerettet. Und jetzt ist er selbst so schwer verletzt worden. Du hättest sein Gesicht sehen sollen!« Die Wörter sprudeln jetzt nur so aus ihr heraus, sie muss es erzählen, um es begreifen zu können.
»Bist du sicher, dass das so gewesen ist?«, fragt ihre Mutter, mit einer guten Portion Unglauben in der Stimme.
»Ausgerechnet du solltest mir doch glauben können!«, verteidigt sich Naomi ungehalten. Ihre Mutter hat einige spezielle Vorstellungen. Schicksal, höhere Sphären, Kontakte zu Engelwesen und dergleichen sind für sie ganz normale Begriffe. Als der Dalai Lama sein erstes Album mit Mantras herausgegeben hat, hat sie es sich sofort gekauft.
Und trotzdem betrachtet sie ihre Tochter skeptisch und kann sich nicht recht entscheiden, ob da was dran sein könnte. Naomi erkennt es daran, wie sie ihre Brille abnimmt und sorgfältig putzt, bevor sie sie wieder aufsetzt. Es ist eine so typische Geste für sie, wenn sie Zeit braucht, um Gegenargumente zu suchen. Naomi ärgert sich. Klar, es mag dramatisch klingen. Aber wieso muss ihre Mutter immer ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen? Manchmal kommt es Naomi so vor, als würde sie sich die Welt so zurechtbiegen, bis alles für sie passend ist. Und so ist es schon immer gewesen. Naomi ist für sie immer noch das leicht zu beeinflussende Kind, das sie mit fünfzehn war. Da kann man schon mal etwas falsch verstehen …
Beide lassen das Thema fallen, ihnen ist nicht nach Streit zumute. Naomi spürt ihre blauen Flecken und die Handgelenke schmerzen wieder stärker. Sie legt sich aufs Sofa, während ihre Mutter anfängt, das Abendessen zu kochen.
3. Kapital
Ganz langsam wird er wach, lose Gedanken schwirren an der Oberfläche seines Bewusstseins, locken ihn an, nur um ihm wieder zu entgleiten. Du warst stoned, sagt er sich, denn genau so fühlt er sich. Watte im Kopf, orientierungslos und wie losgelöst von seinem Körper. Dieser Gedanke reisst ihn endgültig aus seiner Benommenheit und jagt einen Panikschub durch seine Glieder, denn das würde einen allzu krassen Rückfall bedeuten. Als er sich umsieht, merkt er, dass die Umgebung nicht passt: Er liegt auf einem Bett mit weissen Kissen und Decken. Um ihn herum herrscht gedämpftes Licht, trotzdem kommt es ihm zu hell vor. Menschen laufen unablässig hin und her. Etwas ist an seinem Arm fixiert, sein Bauch fühlt sich aufgebläht an, und sein Mund ist völlig ausgetrocknet. Endlich platzt der Knoten in seinem Kopf und er kapiert, was los ist. Er liegt im Krankenhaus und darum wuseln alle diese Leute herum und es riecht so seltsam. Erleichterung durchflutet ihn, seine erste Vermutung war komplett falsch. Auf einmal steht ein Arzt oder Pfleger oder was auch immer vor ihm und stellt sich vor, doch er kriegt den Namen nicht richtig mit. Als der Typ sieht, dass er noch echt groggy ist, geht er wieder. Nach einer Weile taucht er wieder auf.
»Wie geht es Ihnen?«, erkundigt er sich, nachdem er wieder seinen Namen genannt hat. »Haben Sie Schmerzen oder oder ist Ihnen übel?«
»Nein, nur Durst.« Osaros Stimme krächzt furchtbar, aber sein Kopf scheint wieder einigermassen klar zu sein.
»Ja, bald können Sie etwas zu trinken bekommen. Wissen Sie, was passiert ist?«
»Ich hatte einen Unfall.«
»Richtig. Ruhen Sie sich noch eine Weile aus, Sie mussten operiert werden und befinden sich im Aufwachraum. Ein Bauchtrauma, die Milz war angerissen, wir mussten die Blutung operativ stoppen. Eine Kopfwunde musste genäht werden und auch die Rippen sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Die zuständige Ärztin wird es Ihnen bei der nächsten Visite noch genauer erläutern. Sie können jederzeit klingeln, wenn Sie Hilfe brauchen. Bald werden Sie auf die reguläre Station verlegt werden.«
Osaro antwortet nicht, der Pfleger sich entfernt und nach ein paar Minuten nickt Osaro erneut ein, obwohl sich die Worte Milzriss und Operation in seinem Kopf drehen.
Als er das zweite Mal erwacht, kommt alles wieder hoch. Dieser Lieferwagen hat ihn voll erwischt. Er erinnert sich jetzt genau an dieses beschissene Gefühl und daran, wie er Naomi wegschubste. Hoffentlich geht es ihr gut. Es muss einfach. Aber vielleicht wird er das nie in Erfahrung bringen können. Dieser Gedanke gefällt ihm gar nicht.
»Die Ahnen stehen dir bei.« Ihm fällt ein, wie die Stimme seines Onkels ihm das zuraunte. Das kommt davon, dass er in letzter Zeit so oft mit ihm telefoniert und Pläne geschmiedet hat. Da setzt sich unweigerlich solcher Stuss im Hirn fest. Sein Onkel sieht überall die Vorfahren am Werk. Osaros Meinung nach hätten die sich schon etwas mehr Mühe geben können mit dem Beschützen.
»Vielleicht rufen die Ahnen dich in die Heimat zurück. Du warst schon immer jemand, der ihnen besonders stark verbunden ist.« Solches Zeug kann sein Onkel stundenlang von sich geben, und vielleicht stimmt es ja auch. Wenn er hingegen mit seiner Tante telefoniert, meint sie, er schleppe irgendeinen Kindheitskomplex mit sich herum und solle sich besser in der Schweiz einen richtigen Job suchen, wo er genug Kohle verdient. Vielleicht hat sie auch recht. Auf jeden Fall wird er Naomi kaum wiedersehen, was eine bittere Aussicht ist. Wahrscheinlich passt sie besser zu seinen Zukunftsplänen, welche die Sicht seiner Tante nicht berücksichtigen. Ein dumpfer Schmerz breitet sich in seiner Bauchgegend aus und wird immer stärker. Osaro beginnt die Klingel zu suchen. Wo war die gleich nochmal?
Osaro starrt gedankenversunken in den klaren Nachthimmel, während Stephen schreibt. Er hat ein mieses Gefühl bei dieser Sache. Unruhig tigert er den Pool entlang und versucht auch, Mario am Handy zu erreichen. Nichts. Etwas stimmt hier nicht, er spürt es. Dieses Gefühl quält ihn immer stärker. Mario ist zwar schon furchtbar verschusselt, doch noch nie hat er ihn komplett vergessen. Wieder starrt er die Hausfassade an, als er etwas bemerkt. Die Schiebetür in der Fensterfront steht einen winzigen Spalt offen. Von dort dringt wahrscheinlich das Brummen des Basses zu ihnen heraus.
Diese Tür gehört zu einer Glasfront, die sich über die ganze Hausfassade erstreckt. Wenn man in Marios Zimmer steht, hat man das Gefühl, als hänge man halb in der Luft. Eine halbhohe Brüstung aus Metall rahmt das ganze Glas ein.
Stephen ruft ihm zu, dass sie keinen Bock mehr haben, zu warten. Was er machen will. Osaro dreht sich zu Stephen und Tyson um, die genervt dastehen.
»Ich muss da rauf«, erklärt er ihnen und deutet zu dem Metallgeländer hinauf. Jetzt sehen die beiden den offenen Spalt auch. »Meinst du echt, dass der da oben ist?«
Osaro nickt. »Safe.«
»Und du glaubst, dass du da reinkommst?«, motzt Stephen herum. »Das ist echt hoch.«
»Ich muss es wenigstens versuchen.«
Stephen nickt resigniert. Schliesslich kennt er Osaro schon eine Weile und weiss, dass er nicht so schnell aufgibt, wenn er sich etwas vorgenommen hat. Er schiebt einen der Loungesessel unter das Fenster. Ein klirrendes Geräusch ertönt und zwei Weinflaschen rollen unter dem Rattangeflecht hervor.
19. Kapitel
»Was für eine sicke Familie«, kommentiert Stephen kopfschüttelnd und kickt die Flaschen zur Seite. Dann positioniert er den Sessel unter dem Fenster, stellt sich darauf und fordert Osaro auf, seinen Fuss auf seine verschränkten Hände zu stellen. Tyson hilft ihm dabei, und so schafft er es auf Anhieb, das Metallgeländer zu packen und sich daran hochzuziehen. Nach einigem mühevollen Klettern und Balancieren gelingt es ihm, sich genügend weit nach oben zu schwingen, so dass er die Brüstung erklimmen kann. Er hockt wackelig auf dem Geländer wie ein Vogel. Nur schade, dass er keine Flügel öffnen kann, sollte er fallen. Besser nicht nach unten sehen, wo Tyson und Stephen die ganze Aktion grinsend beobachten und pseudowitzige Kommentare abgeben.
Immerhin steht die Schiebetür wirklich einen kleinen Spalt breit offen. Einen verdammt winzigen Spalt. Mit einer Hand versucht er, in die kleine Öffnung zwischen Fenster und Mauer zu greifen, um innen an den Fenstergriff zu kommen, während er sich mit der anderen am Geländer festklammert. Er drückt und drückt, bis die Hand mit einem Ruck durchflutscht, aber ein vorstehendes Metallteil reisst ihm den ganzen Handrücken auf. Auch wenn der Schmerz ihm einen Moment den Atem raubt, muss er sich später drum kümmern. Die Hand ist drin und er verbiegt seinen Arm so weit wie möglich, um an den Fenstergriff zu kommen. Allmählich hat er das Gefühl, sich den Arm auszukugeln, bis es ihm gelingt, den Fenstergriff mit zwei Fingern in die gewünschte Richtung zu stupsen. Und noch ein kleines Stück. Ruckelnd bewegt sich die Schiebetür ein paar Zentimeter, und er kann den Arm weiter hineinschieben. Erleichtert stösst er die Luft aus. Er glaubt nicht, dass er diese Position noch lange ausgehalten hätte. Mario wird einen riesigen Anschiss von ihm kassieren, so viel steht fest.
Nach einigem weiteren Drücken und Stossen gleitet die Tür so weit auf, dass er sich ins Zimmer quetschen kann. Er unterdrückt einen Fluch, als er sieht, wie viel Blut von seiner Hand tropft. Am Boden liegt ein T-Shirt, das er auf die Wunde drückt.
Ein wuchtiger EDM-Beat umfängt ihn unangenehm laut, doch er achtet nicht weiter darauf. Mario liegt auf dem Bett, die Augen geschlossen. Sofort schiesst Entsetzen in Osaro hoch. Mit zwei schnellen Schritten ist er bei ihm und schüttelt ihn. Marios Regungslosigkeit erschreckt ihn immer mehr. Ein weisslicher Spuckefaden ist aus seinem halb geöffneten Mund gelaufen. Er atmet, das kann er sehen, aber er wacht nicht auf, wie heftig er auch an ihm zieht und zerrt und seinen Namen ruft. Scheisse, scheisse, scheisse! In Panik sucht er das Zimmer ab, in der Hoffnung, herauszufinden, was Mario intus hat. Sein Herzschlag hämmert bis in den Magen hinein.
Sein Blick fällt auf einen kleinen Tablettenblister, der halb unter dem Bett liegt. Er hebt ihn auf und liest Xanax 0,5 mg auf der Alufolie. Was soll der Mist? Unfähig, sich zu fokussieren, starrt er verwirrt auf das unauffällige kleine Ding in seiner Hand. Dann hört er die immer lauter werdenden Stimmen von Tyson und Stephen, die wissen wollen, was los ist. Das reisst ihn aus seiner Erstarrung und er sprintet zum Fenster. Hört sich schreien, dass sie die Ambulanz rufen müssen. Mario hat sich überdosiert mit Benzos.
»Scheisse, was ist los?«, »bist du sicher?«, brüllen sie zurück. Er hört den Unglauben in ihren Stimmen. Als würde er so was zu ihnen sagen, wenn es ihm nicht ernst wäre. Vor Wut über ihr Benehmen wird ihm ganz heiss.
»Macht endlich«, verlangt er und hört die Angst in seiner Stimme. »Ruft die Scheissambulanz!«
»Okay, okay.«
Osaro eilt wieder zu Mario und versucht nochmals, ihn zu wecken. Keine Chance. Inzwischen fühlt er sich zitterig, sein Kopf dreht sich unangenehm und er hat eine miese Angst um seinen Freund. Die Sanitäter werden in wenigen Minuten hier sein, das sagt er sich immer wieder vor. Während er dieses Mantra wieder und wieder vor sich hinmurmelt, sieht er Marios Messer, welches ihm aus der Hosentasche gerutscht sein muss. Es liegt neben Mario auf der Matratze. Dieses verfickte Scheissding.
Wie ein Stromstoss durchfährt ihn der Gedanke, dass er es loswerden muss. Er hasst das Messer. Immer, wenn Mario seine kleinen Spielchen und Tricks damit macht, würde er es ihm am liebsten aus der Hand schlagen. Es ist das Einzige, weswegen sie sich ernsthaft streiten. Mario behauptet, er habe es nur, damit er sich wehren kann, wenn es nötig wird. Er kann nicht ernsthaft meinen, sich damit verteidigen zu können, findet Osaro. Viel eher würde er selbst damit abgestochen. Und jetzt wird es Mario sowieso nur Ärger machen, wenn man es bei ihm findet. Also weg damit. Er stolpert die Stufen ins Erdgeschoss runter, eilt in die Küche, nimmt eine Packung Küchenpapier und wickelt eine enorme Schicht um das Messer. Dann stopft er den Packen so tief wie möglich in den Abfalleimer unter dem Spülbecken. In dem Moment, als er wieder auf der Treppe steht, um nach oben zu gehen und nach Mario zu sehen, klingelt es an der Haustür. Das muss die Ambulanz sein. Wieso sind die nicht mit Martinshorn vorgefahren?
Er beeilt sich, die Haustür zu öffnen und steht zwei Polizisten gegenüber, hinter ihnen mit betretenen Gesichtern Tyson und Stephen. Misstrauisch beäugen die Polizisten Osaros Hand. »Scheisse«, denkt er schon wieder, als er seinen Rucksack in der Hand des einen Polizisten baumeln sieht. Dreissig Gramm Gras und sechs Tabletten MDMA hat er da drin. Aber was noch viel schlimmer ist: seine beiden Arbeitshandys.

29. Kapitel
Naomi erwacht davon, dass Osaro sie sanft auf die Schläfe küsst und die kleine Lampe neben dem Bett einschaltet. »Was ist los?« Sie gähnt und räkelt sich wohlig.
»Wir machen jetzt ein Rooftop zusammen.« Im gedimmten Licht erkennt sie Osaros äusserst zufriedenen Gesichtsausdruck.
»Was machen wir?«, erkundigt sie sich schläfrig. Obwohl ihr da so etwas schwant. Solche Ausdrücke haben meistens mit Graffiti zu tun. Sie kann sich nicht vorstellen, dass er das im Zusammenhang mit einem Dachrestaurant erwähnt.
»Das ist ein Piece auf einem Dachvorsprung oder einfach eines, das ziemlich weit oben an einer Hauswand gemacht wird. Idealer Zeitpunkt, komm, wir müssen los.«
»Und weshalb glaubst du, dass ich da mitmache?«
»Weil mein Geburtstag ist?«
»Der ist schon vorbei, es ist bereits nach Zwölf.« Naomi gähnt nochmals herzhaft, aber eigentlich ist die Schläfrigkeit verschwunden. Sie glaubt nicht, dass das eine besonders gute Idee ist. Was, wenn sie erwischt werden? Osaro kommt ganz bestimmt nicht mit einer kleinen Geldstrafe davon und ihr wäre das so unglaublich peinlich. Sie ist ja keine Sechzehn mehr.
Osaro schaut belustigt zu, wie die Gedankenblitze in ihrem Kopf herumjagen. »Komm schon, sei kein Feigling. Das wird mega Spass machen, ich habe alles geplant. Es ist sicher, echt.«
Es ist ihr egal, dass er sie einen Feigling nennt. Allerhöchstens ist sie ein ganz kleines bisschen neugierig aufs Graffiti-Sprayen.
»Man muss auch mal etwas riskieren im Leben. Seinen Horizont erweitern, findest du nicht?
»Und wenn wir erwischt werden?«
So langsam nervt Osaro sich ein wenig, das sieht sie. Naomi findet trotzdem, dass sie recht hat.
»Ein Graffiti zu sprayen, ist ein wunderbares Verbrechen. Es gibt kein Besseres: Man lebt seine Kreativität aus, begeht einen rebellischen Akt gegen den unterdrückerischen Kontrollstaat und tut dabei keinem weh«, behauptet Osaro. Als sie widersprechen will, fügt er hinzu: »Das bisschen neue Farbe für die Wand kostet nicht die Welt, davon wird hier niemand arm.«
Sie zögert immer noch. »Also, stelle dir folgendes Szenario vor. Ich bin dein Lieblingsyoutuber und ich fordere dich zu einer Challenge heraus. Da musst du doch mitmachen wollen!«, sagt Osaro beschwörend.
Naomi gibt sich geschlagen. »Wenn ich es zu gefährlich finde, bin ich raus.« Damit ist Osaro auch einverstanden.
Eine Viertelstunde später steigen sie auf ihre Räder und fahren Richtung Innenstadt. Es ist zwar Frühling, aber noch sind die Nächte kalt und Naomi ist mehr als froh, dass sie Handschuhe angezogen hat. Auch Osaro hat sich warm eingepackt. Und sogar einen Helm hat er aufgesetzt, was Naomi als Zeichen wertet, dass er bei dieser Aktion wirklich Wert auf ihre Gesellschaft legt.
Leise rappt vor sich hin: »Take a ride with me, we goin all Zurich
gloves, some cans, that’s all we need
Fat caps, white, black, a silver Touch Tone
Our names are famous, our faces – unknown«
Naomi grinst vor sich hin. Klar, wie immer den passenden Soundtrack auf Lager. Sie strampeln gleichmässig, die kühle Nachtluft füllt Naomis Lungen und vor lauter nervöser Erwartung kribbelt ihr ganzer Körper. Bald kommen sie am Bahnhof Hardbrücke vorbei und biegen dann Richtung Langstrasse ab. Dass sie die Langstrasse erreicht haben, erkennt Naomi leicht. Zehn gleich aussehende Shisha-Bars säumen den Weg, die Haustüren sind vollgeschmiert mit Tags, zwischen den geparkten Autos blitzen hässliche Graffiti hervor. Vielleicht ist es ja tatsächlich eine gute Tat, hier etwas Schönes hinzumalen. Ausserdem fallen sie wenigstens hier nicht auf, denn es sind trotz der Uhrzeit noch ganze Horden auf der Strasse. Allerdings kaum jemand mit Fahrrad. Die anderen sind zu Fuss oder in ihren getunten BMWs unterwegs. Lautstarke Betrunkene und aufgebretzelte Frauengrüppchen säumen die Strassen. Menschen mit den unterschiedlichsten Hautfarben, Kleidung und Benehmen. Die Fenster der Bars und Restaurants sind hell erleuchtet, und davor sieht man die Raucher in kleinen Pulks zusammenstehen. Naomi wird immer aufgeregter, obwohl sie noch gar nichts gemacht haben, ausser durch das nächtliche Zürich zu cruisen.
Als sie fast durch die ganze Langstrasse geradelt sind, schön langsam, wegen der Menschenmassen, biegt Osaro ab und nimmt eine Seitenstrasse. Es wird immer ruhiger, der Lärm der Langstrasse ist nur noch gedämpft zu hören. Zwischen zwei Wohnblöcken hält Osaro an. »Es muss ganz in der Nähe sein«, murmelt er und schaut sich suchend um. Hier ist es sehr viel dunkler als vorhin und Naomi erkennt nicht viel. Osaro hingegen scheint gefunden zu haben, was er gesucht hat. »Hier lang.« Sie folgt ihm in einen Hinterhof. Zu ihrer Erleichterung strahlt keine automatische Aussenbeleuchtung auf. Neben einer Haustür sind zahlreiche Scooter und Fahrräder in allen Grössen aufgereiht und sie stellen ihre einfach dazu. Osaro fingert in seiner Jackentasche herum und bringt triumphierend einen Schlüssel zum Vorschein. Naomi spürt wieder, wie ihre Nerven flattern. Sie machen das wirklich! Wenn das nur gut endet. Am liebsten würde sie das Ganze abblasen, aber Osaro öffnet bereits die Tür und bedeutet ihr, ihm zu folgen. Wie Diebe schleichen sie die Stockwerke hoch, vorbei an Schuhschränken, Welcome-Schuhabtretern und Deko-Gegenständen. Mit jeder Stufe wächst Naomis Angst. Ganz zuoberst gibt es keine Wohnungen mehr, bloss eine kleine Türe, die ins Freie führen muss. Auch diese schliesst Osaro mit einem Schlüssel auf. »Woher hast du den?«, flüstert Naomi.
»Von Tyson, er hat hier mal gewohnt«, wispert er zurück und hilft ihr mit der letzten Stufe, die sie beinahe übersehen hätte.
Draussen auf dem Dach gibt es nicht viel zu sehen. Insbesondere gibt es kein Geländer, was Naomi nicht gut findet. Sie stehen auf einem Flachdach aus Beton. Auf der einen Seite befindet sich ein rechteckiges Häuschen, in dem wohl Lüftungsrohre, Heizungsbestandteile und so was untergebracht sind. Das ist natürlich Osaros Ziel.
»Geil, was?«, sagt er leise neben ihr und freut sich wie ein Kind. »Wie machen wir es? Du könntest mir beim Ausfüllen helfen.«
»Okay, wenn ich schon etwas Kriminelles mache, will ich auch was davon haben!«
»Recht so!«
Naomi tritt ein paar Schritte aus der Deckung hinaus. Sofort fühlt sie sich beobachtet. »Können wir denn von unten nicht gesehen werden?«
»Nur, wenn jemand lange genug rauf schaut.«
Naomi fühlt sich alles andere als beruhigt. Osaro hat seinen Rucksack vor der Wand deponiert, wo er anfangen will. Er streckt die Hand nach ihr aus und zieht sie zu sich. Der Abgrund ist viel zu nahe. Sie darf einfach nicht nach unten schauen, stattdessen hält sie sich an Osaro fest. Wenn sie fällt, stürzen sie beide. Das hätte er verdient.
»Was schreiben wir?«, fragt er ganz entspannt.
»Ich dachte, du hast alles geplant?«
»Na ja, ich hätte schon eine Idee. Aber vielleicht willst du was Bestimmtes?«
»Hm, wie wäre es mit Fuck Köppel oder so? Aber ist ja dein Geburtstag!«
Osaro lacht leise auf. »Stimmt schon, ist halt ein bisschen plump.«
Naomi überlegt. »Wie wäre es mit: Wir haben euch gewarnt! Oder: Nie wieder Zürich!«
Osaro kriegt sich gar nicht wieder ein und muss sein Gelächter unterdrücken. »Naomi, du bist fantastisch! Meine Sprüche waren immer voll pathetisch.«
»Was ist denn deine Idee?«
»Ich habe einen Tag für uns beide kreiert, doch da gehört noch was dazu. »Wir haben euch gewarnt! Das nehmen wir.«
Naomi muss jetzt auch kichern, das ist absoluter Nonsens, und darum gefällt es ihr.
Er bückt sich zu seinem Rucksack, kramt im vorderen Fach herum und zupft zwei Paar Einweghandschuhe raus. »Sonst hast du als Anfängerin die ganzen Finger voll Farbe.« Er fügt hinzu: »Wir sollten nicht zu lange hier oben stehen, ich lege gleich mal los.«
Osaro schnappt sich die erste Dose, schüttelt sie, und im Nu steht in runden Buchstaben über der ganzen Breite der Wand der eben beschlossene Spruch. Naomi ist erstaunt, wie schnell er das so gut hingekriegt hat.
»Also«, er drückt ihr eine Dose mit Chromfarbe in die Hand, »kräftig schütteln, in etwa diesem Abstand von der Wand sprühen und ausfüllen. Macht nichts, wenn du etwas über die Linien kommst, da gehe ich zum Schluss sowieso nochmals drüber.«
Vorsichtig krümmt Naomi ihren Finger und lauscht dem Zischen. Sie macht es tatsächlich. Sie sprayt eine Wand an. Was verboten ist. Das ist der Soundtrack, der in ihrem Hirn leise vor sich hin hämmert. Sie versucht, ihn zu ignorieren. Nach den ersten nervösen Spritzern gelingt es ihr immer besser, ihre Hemmungen zu überwinden. Sie versucht, die Farbe möglichst gleichmässig aufzubringen. Osaro schreibt auf dem oberen Teil der Fläche in stylischen, verzogenen, aber lesbaren Buchstaben NOS. »Das ist unser Pärchenname«, feixt er, als er ihren Blick sieht. »Kurz und knackig!«
Naomi sagt nichts dazu, denn sie steht unter Hochspannung, aber allmählich wird sie mutiger und schneller in ihren Bewegungen. Irgendwann gibt ihre Dose nur noch ein müdes Ruckeln von sich, darum nimmt sie die nächste aus dem Rucksack. Die ganze Sache beginnt, ihr Spass zu machen. Ihr Bewusstsein scheint sich auszudehnen. Scheint Fühler auszustrecken. Sie kann Osaro sehen, wie er an seinem Tag frickelt, sie sieht die Sterne am Himmel, die Farbe auf ihrem Handschuh. Alles gleichzeitig.
Osaro wechselt seine Position und stellt sich dicht neben sie, perfektioniert die Füllung, wo sie es nicht ganz deckend hingekriegt hat, und fährt mit Schwarz die Konturen nach. Er hat ein Höllentempo drauf. Gleich werden sie fertig sein, so lange hat es nicht gedauert.
»Noch ein paar Deko-Elemente, dann hauen wir ab.«
Ein klein wenig bedauernd nickt Naomi. Osaro zeigt ihr, wie man Bubbles sprüht, und das kann man nun wirklich nicht anders als spassig nennen. Er selbst werkelt noch am Schriftzug herum.
»Hey, ihr Arschlöcher! Was macht ihr da?«
»Ja, was soll das?«
Erschreckt dreht sich Naomi um und sucht die Rufer. Unten hat sich ein Grüppchen zusammengefunden, gestikuliert zu ihnen hinauf und johlt lautstark. Die Leute wirken mehr oder weniger betrunken.
»Wonach sieht’s denn aus?«, schreit Osaro zurück. Der hat Nerven! Zu Naomi sagt er bloss »Botten!« Sie nimmt an, das bedeutet abhauen, und das findet sie eine exzellente Idee. Osaro schnappt sich den Rucksack und schiebt sie zur Tür. Sie hasten die Treppe hinunter und zur Eingangstür hinaus. Naomi reisst sich die Handschuhe von den Fingern und steckt sie in ihre Hosentasche.
»Warte kurz hier.« Osaro linst um die Ecke zur Strasse. »Shit«, murmelt er, als er wieder bei ihr ist. »Die stehen da immer noch rum und einer hängt am Handy. Der ruft die Bullen.« Er überlegt, während sie von einem Bein aufs andere tritt und am liebsten im Erdboden versinken würde. Osaro ist zu einem Entschluss gekommen. »Wir gehen zu Tyson, der wohnt hier ganz in der Nähe. Mit den Rädern sind wir schnell da und können die Typen notfalls abhängen.« Hört sich gut an, doch das dämpft Naomis Panik nur minimal. Das dauert doch viel zu lang, bis sie hier weg sind. Osaro hingegen öffnet in aller Ruhe wieder den Rucksack und sucht etwas. Erstaunt sieht sie, wie er nochmals eine Dose herausholt. Gerade will sie ihn fragen, was das bitteschön werden soll, da sprayt er seelenruhig eine dicke Schicht schwarzer Farbe über das Vorder- und Rücklicht an ihrem Fahrrad. Bei seinem muss er das nicht machen, sein Mountainbike hat keine Lichter.
»Okay, halt dich einfach dicht hinter mir.«
Sie ziehen die Helme an, steigen auf und biegen langsam um die Ecke. Sobald sie auf der Strasse sind, erhöht Osaro das Tempo. »Die hauen ab«, hört Naomi es hinter sich schreien, und kurz darauf dringt zu ihrem Schrecken das Geräusch eines Motorrads, das angeworfen wird, an ihre Ohren. Osaro hat es auch bemerkt und gibt Vollgas. Sie treten wie wild in die Pedale, trotzdem kommt das Motorengeräusch näher, logisch. Osaro ändert seine Taktik und biegt ein paar Mal scharf ab, wechselt die Strassenseiten und tut alles, um eine gradlinige Fahrt zu verhindern. Ab und zu weichen sie den nächtlichen Partygängern aus, die hinter ihnen herfluchen. Naomi kann mithalten, wünscht sich dennoch sehnlichst, dass sie ein wenig Licht vor sich hätte. Sie sieht die Bordsteine und Gullys nicht immer früh genug kommen und ist zwei-, dreimal geschlittert. In einer engen Gasse stoppt Osaro. »Sind wir da?«, fragt Naomi hoffnungsvoll.
»Weiss nicht genau, kann ich dein Handy haben?«
Sie streckt es ihm hin und er öffnet Google Maps. Ängstlich bemerkt sie, dass er zittrige Finger hat. »Ist nicht mehr weit. Unser Verfolger, dieser Spinner, hat wohl aufgegeben. Oder hörst du noch was?«
Nein, sie hört auch nichts. Osaro gibt ihr das Handy zurück, steigt wieder auf sein Rad und bedeutet ihr, ihm zu folgen. Sofort klebt sie sich an sein Hinterrad. Das fehlte ihr noch, dass er sie versehentlich abhängt. Dieses Mal fahren sie ganz normal die Strasse entlang, wenn auch in zügigem Tempo. Nach endlosen Minuten, in denen Naomis Herz heftig schlägt und ihr Puls in Hyperfrequenzen zu arbeiten scheint, hält Osaro endlich vor einem Wohnblock an. Hastig drückt er die Klingel. Und dann nochmals. »Du musst aber nicht kotzen, oder?« Besorgt mustert er sie, während sie darauf warten, dass sich etwas tut. »Du bist so bleich wie ein Fisch aus der Tiefsee!«
»Wie poetisch! Nein, ich muss nicht kotzen, ich habe mich vorhin nur erschreckt, weil ich fast über eine Ratte oder so was gefahren wäre und gerade noch das Gleichgewicht halten konnte.« Erschöpft fügt sie hinzu: »Ausserdem, hast du auch diesen Kastenwagen da vorn an der Ecke gesehen? Das war ganz sicher die Polizei!«
Osaro lächelt sie an. »Vielleicht. Die schwärmen hier routinemässig in Armeestärke aus. Hier gibt’s immer viel zu tun für die, was ja nur gut sein kann für uns. Jedenfalls hast du dich nicht schlecht gehalten. Das wird schon, gleich sind wir aus der Schusslinie.«
Er drückt noch zweimal auf die Klingel. »Wer ist da? Was soll der Scheiss?«, rauscht es aufs Mal durch die Gegensprechanlage. Osaro antwortet, ohne mit der Wimper zu zucken, und gleich darauf ertönt der Summer. Sie lassen die Fahrräder, wo sie sind. Osaro schliesst sie schnell ab und sie gehen die zwei Stockwerke nach oben. Ein müder Tyson lehnt im Türrahmen. »Steckt ihr in Schwierigkeiten?«
»Geht so, kann sein, dass die Tschugger uns suchen«, antwortet Osaro bestens gelaunt.
»Nichts Schlimmes, hoffe ich?«
»Du erinnerst dich an den Schlüssel? Wir waren da oben …«
»Ach so. Was hast du nur an dir, dass man dich immer auf der Flucht trifft? Wie ein, hm, lass mich überlegen, ein Sprayer vor den Bullen? Na schön, haut euch irgendwo hin. Ich muss wieder schlafen.«
»Ha, ha, du bist echt witzig. Und das mitten in der Nacht. Aber danke, Mann!«
»Kein Ding. Erwartet bloss keinen Frühstücks- und Weckservice.«


